Vom starren Klassenzimmer zur innovativen Lernlandschaft

ANDREA WACHTER

In Deutschland haben viele Schulgebäude Grundrisse, die 100 Jahre und älter sind – entstanden zu einer Zeit, in der Anpassung und Gehorsam das Lernziel von Schule waren. Die konventionellen Klassenzimmer, die sich an einem langen Flur entlang reihen, waren geprägt von Frontalunterricht und Lernen als passive Haltung.

Comeback der Reformpädagogen

Gegen diese starre Vorstellung von Schule wandten sich seit Ende des 19. Jahrhunderts verschiedene Reformpädagogen, die eine individuelle Förderung sowie mehr Wohlbefinden und soziales Miteinander forderten: angefangen von Paul Petersen, der sich für eine Abschaffung von Jahrgangsstufen und Massenschulen aussprach, über Maria Montessori, die sich für eine kindgerechte Raumgestaltung einsetzte, bis hin zu Loris Malaguzzi, einem entscheidenden Unterstützer der Reggio-Pädagogik, die den Raum als dritten Erzieher definierte. „In der Reggio-Pädagogik ist das Kind der Konstrukteur seines eigenen Wissens, der Pädagoge und das soziale Umfeld übernehmen die Rolle des zweiten Erziehers und der Raum mit seiner materiellen Ausstattung ist der dritte Erzieher“, erläutert Sabine Brehm, Referentin für reggio-inspirierte Kultur des Lernens. „Dem Raum kommt eine essentielle Bedeutung zu: Er bietet wichtige Impulse und eine Atmosphäre, um das Lernen zu verinnerlichen. Dabei geht es um Ästhetik, Geborgenheit und Herausforderungen.“ In den 60er- und 70er-Jahren fanden die Gestaltungsideen der Reformschulen kaum noch Umsetzung; stattdessen schien sich der Schulbau am Industriebau zu orientieren – mit bunkerartigen Betonklötzen und kastenförmigen Flachbauten. Erst seit den 80er-Jahren erlebte das reformpädagogische Gedankengut wieder ein Comeback und auch in der Architekturpsychologie beschäftigten sich Studien zunehmend mit der Wirkung von Räumlichkeiten auf die Psyche und das Wohlbefinden.

Neue Grundrisse für Schulen

Ganztagesschule, Inklusion, Migration, Digitalisierung: Die gesellschaftlichen Herausforderungen an Bildungseinrichtungen sind in den letzten 15 Jahren gewachsen. „Als Antwort nicht zuletzt auf die digitale Revolution ist es dringend notwendig, die Eigenaktivität der Schüler*innen zu halten“, stellt Dr. Otto Seydel, Gründer und Leiter des Instituts für Schulentwicklung in Überlingen fest (YouTube-Video vom 22.05.2018: Compass 05 – Warum braucht Schule neue Grundrisse?) und fordert neue Grundrisse für Schulen: „Wir müssen andere Schulen bauen als früher.“ Man wisse inzwischen viel besser, dass Lernen als aktive Handlung funktioniert, bei der alle Schüler auf unterschiedliche Weise und unter Einbeziehung aller Sinne und Gefühle lernen. Selbstständigkeit, Kooperation und Kreativität sind gefragt – „mit erheblichen Auswirkungen auf die Organisation und die Abläufe von Unterricht.“

Frische Impulse für den Schulbau

Seit mehr als zehn Jahren geht die Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft der Frage nach, was es für gute pädagogische und architektonische Schulbauten braucht. Immer wieder bringt sie Expert*innen aus der Architektur, Pädagogik, Planung und Verwaltung zusammen, um Richtlinien und Konzepte für den Schulbau zu liefern. Auf ihrer Website informiert die Stiftung ausführlich über pädagogische Architektur und bietet mit ihrem Standardwerk „Schulen planen und bauen 2.0“ und den „Leitlinien für leistungsfähige Schulbauten in Deutschland“ konkrete Anregungen. Ihr Projekt „Schulbau Open Source“ dokumentiert mithilfe eines Planungsbaukastens einen kompletten Schulbauprozess von der Phase Null bis zum fertigen Bau. „Jetzt ist der Moment, um auch in der Breite echte Innovation in der Architektur von Schulen zu etablieren“, so das Credo der Stiftung (https://www.montag-stiftungen.de/handlungs-felder/paedagogische-architektur).

Modernes Lernen: Cluster, offene Lernlandschaft und Lernhaus

Entdeckendes und kooperatives Lernen ist im 21. Jahrhundert angesagt. „Schule ist Lern- und Lebensraum für Kinder“, findet Anne Lena Ritter, Leiterin des Amts für Schulentwicklung in Köln. „Forschen, lernen, sich bewegen, spielen, entspannen und essen: All diese Tätigkeiten müssen in einem zukunftsfähigen Schulgebäude stattfinden können.“ Die neuen Schulbaukonzepte tragen Namen wie Cluster, offene Lernlandschaft oder Lernhaus. Ein Cluster fasst unterschiedliche Unterrichts- und Lernbereiche sowie Differenzierungs-, Aufenthalts- und Erholungsbereiche zu einer Einheit zusammen. Es ermöglicht pädagogische Flexibilität beim Wechsel der Lernformen und setzt auf Teamarbeit. Noch mehr Offenheit für verschiedene Aktivitäten bietet die offene Lernlandschaft – mit flexiblem Mobiliar und kleineren Räumlichkeiten. Hier ist das klassische Klassenzimmer faktisch aufgelöst: Mehrere Klassen lernen und arbeiten zusammen. Ein Lernhaus wiederum besteht aus vier bis sechs Klassen und bildet mit seinem festen Team eine familiäre „kleine Schule in der großen Schule“ – mit eigenen Räumen, eigener Leitung und eigener Organisation.

Abschied von der Klassenraum-Flurschule

München, Düsseldorf und Berlin haben bereits neue Gebäudekonzepte für Schulen eingeführt. Ein wegweisendes Bauprojekt für innovative, inklusive Schulbauten entsteht gerade in Köln mit der Errichtung der Heliosschule als Grund- und Gesamtschule. Die Architektur soll hier exzellente Lebens- und Lernbedingungen sinnlich erlebbar machen. Das Bauvorhaben wird bis zum Schuljahr 2024/25 umgesetzt – mit einem großzügigen Mensa-/Forumsbereich, Kunst- und Musikräumen, einem Sportbereich, Bibliotheks- und Selbstlernbereichen sowie offenen Aufenthalts-, Kommunikations- und Arbeitszonen. „Es entstehen Lernlandschaften mit vielfältigen Möglichkeiten sowie ein Reichtum an räumlichen Wahrnehmungen und direkten Außenbezügen“, heißt es im architektonischen Konzept. München hat sich sogar gänzlich von der klassischen Flurschule verabschiedet und das Lernhaus im Musterraumprogramm der kommunalen Schulbauleitlinien festgesetzt. In der bayerischen Großstadt sind inzwischen über ein Dutzend Schulneubauten nach dem Lernhauskonzept eröffnet worden und viele Bestandsschulen haben das Lernhausprinzip organisatorisch umgesetzt.

Flexibel, digital und passend zum pädagogischen Konzept: Das Schulmobiliar

Auch die Möbelindustrie hat die Zeichen der Zeit erkannt: Für Schulen gibt es flexibel anpassbares Mobiliar: höhenverstellbare Tische, ergonomische Stühle, rollbare Raumtrenner oder Sitzlandschaften in modularer Bauweise. Nach den Erfahrungen mit Homeschooling dürfte auch Blended Learning – das Verknüpfen von Online-Lernen mit Präsenzunterricht – noch stärker an Bedeutung gewinnen. Ein Spezialist für innovative Lernraumkonzepte, der besonders die neuen Rahmenbedingungen von Unterricht im Zeitalter der Digitalität berücksichtigt, ist Flötotto Learning Spaces mit Sitz in Hamburg. Aus dem Zusammenschluss des Schulausstatters Flötotto Einrichtungssysteme mit der Gesellschaft für digitale Bildung (GfdB) entstanden, kennt das Unternehmen die Bedürfnisse von Schulen nur allzu gut. Es verkauft Möbel in unterschiedlichsten Formen, die selbst von kleinen Kindern bewegt werden können, mobile Tafelelemente, die sich kinderleicht abhängen lassen, und bietet Zubehör zur Integration digitaler Endgeräte. Flexible Möbel bedeuten flexiblen Unterricht. Eine innovative Lernlandschaft erlaubt den schnellen Übergang von der Instruktionsphase zur Einzel- oder Gruppenarbeit und lässt sich, auch dank Zonierungen, vielfältig nutzen: als Werkstatt, Bühne, Ausstellungsraum, Kommunikationsplattform, Ruhezone oder Leseinsel. So wird der Unterricht für die Schüler*innen abwechslungsreicher und für die Lehrer*innen einfacher: Sie können ihre pädagogischen Szenarien frei gestalten und der Klassenraum wird zum dritten Pädagogen.

Hoher Bedarf an Sanierungen und Neubauten

Die Städte wachsen und mit ihnen die Schüler*innenzahlen. „Wir brauchen in Köln 54 neue Schulgebäude in den nächsten zehn Jahren“, beziffert Frank Pfeuffer, Leiter der Schulentwicklungsplanung in Köln, den Bedarf und vergleicht ihn mit anderen deutschen Millionenstädten. Eine Mammutaufgabe kommt auf die Bildungslandschaft zu. Dass man auch im Kleinen anfangen kann, zeigt ein Tweet von Dr. Hendrik Bunke, Lehrer an der Oberschule Koblenzer Straße in Bremen: „Klassenraum für die neuen 5er einrichten. Lehrer*innenpult entsorgt, keine zentrale Tafel, jede Menge Freifläche für Bewegung, Klassenrat, Morgenkreis, Optik. Man muss dieses Frontal-Ding einfach radikal aus dem Klassenzimmer und Kopf verbannen“.

Mehr Beiträge zu den neuesten Themen, Projekten und Produkten für zeitgemäßen digitalgestützten Unterricht finden Sie im aktuellen Schoolbook – Das Magazin für Schulen im Wandel.

Sie benötigen Unterstützung bei der Lernraumplanung und Möbelbeschaffung? Unser Partnerunternehmen Flötotto Learning Spaces ist Experte auf diesem Gebiet und berät Sie gerne.

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